Leseprobe zur Blut Adler Saga vo0n Thomas Egersdörfer

Leseprobe aus der Blut Adler Saga

Im Schatten der Runen

 

Der Regen hatte kurz vor Mitternacht aufgehört.

Über dem Wald lag ein feuchter, schwerer Nebel, der sich zwischen den dunklen 

Stämmen hindurchschob, als würde er nach etwas suchen. Kein Wind bewegte die Äste. Kein Vogel war zu hören. Selbst das Wasser des nahe gelegenen Fjords schien in dieser Nacht stiller zu sein als sonst.

Kommissar Erik Lund stand am Rand des schmalen Waldweges und blickte in die Dunkelheit.

Das Licht seiner Taschenlampe reichte nur wenige Meter weit. Dahinter begann eine schwarze Wand aus Fichten, Felsen und Schatten.

„Hier soll er entlanggegangen sein?“, fragte Nilsen hinter ihm.

Lund antwortete nicht sofort.

Vor ihnen führte eine einzelne Spur vom Weg hinunter in das Unterholz. Im weichen Boden waren mehrere Schuhabdrücke zu erkennen. Große Sohlen, tief eingedrückt, als hätte derjenige etwas Schweres getragen.

Oder als wäre er gerannt.

Lund ging in die Hocke und leuchtete über den Boden.

„Nur eine Person“, sagte er schließlich.

Nilsen trat näher. „Vielleicht ein Jäger.“

„Um diese Uhrzeit?“

„Oder jemand, der sich verlaufen hat.“

Lund richtete die Lampe auf einen abgebrochenen Zweig. An der hellen Bruchstelle klebte etwas Dunkles.

Nilsen beugte sich vor.

„Blut?“

Lund berührte die Stelle nicht. „Möglich.“

Seit über zwanzig Jahren arbeitete er bei der Polizei. Er hatte Einbrüche gesehen, 

Unfälle, vermisste Menschen und Fälle, über die später niemand mehr sprechen wollte. Doch dieser Wald fühlte sich anders an.

Nicht gefährlich.

Beobachtend.

Als würde etwas zwischen den Bäumen stehen und darauf warten, dass sie weitergingen.

„Die Kollegen kommen in zwanzig Minuten“, sagte Nilsen. „Wir könnten warten.“

Lund blickte auf die Spur.

„Dann ist der Nebel dichter.“

Er stieg über den Graben und folgte den Abdrücken.

Nilsen fluchte leise und ging hinterher.

Der Waldboden wurde steiler. Feuchte Zweige schlugen gegen ihre Jacken. Unter ihren Schuhen knackte morsches Holz. Mehrmals blieb Lund stehen, weil er glaubte, irgendwo vor ihnen ein Geräusch gehört zu haben.

Ein Schritt.

Ein Atemzug.

Das leise Reiben von Stoff an einer Baumrinde.

Doch jedes Mal, wenn er die Lampe hob, war dort nichts.

Nach ungefähr hundert Metern endeten die Fußabdrücke.

Einfach so.

Lund leuchtete nach links und rechts. Kein Abdruck führte weiter. Keine 

umgeknickten Gräser, keine abgebrochenen Äste.

Nilsen trat neben ihn. „Das ist unmöglich.“

„Nein.“

„Jemand kann sich nicht in Luft auflösen.“

„Er kann auf einen Felsen steigen.“

Lund richtete den Lichtkegel nach vorn.

Zwischen den Bäumen lag ein flacher Stein, fast vollständig von Moos bedeckt. Dahinter erhob sich ein zweiter. Dann ein dritter.

Sie bildeten eine Linie.

Lund ging weiter und bemerkte, dass die Steine nicht zufällig dort lagen. Je tiefer sie in den Wald kamen, desto größer wurden sie.

Einige waren mannshoch.

Andere ragten schief aus dem Boden wie alte Zähne.

„Hast du gewusst, dass es hier so etwas gibt?“, fragte Nilsen.

Lund schüttelte den Kopf.

Sie standen nun auf einer kleinen Lichtung. Der Nebel lag dort tiefer und bewegte sich langsam über den Boden. In der Mitte erhob sich ein Kreis aus dunklen Steinen.

Sieben Steine.

Lund blieb stehen.

Die Anordnung erinnerte an einen uralten Versammlungsplatz. Vielleicht auch an 

einen Ort, den Menschen einmal für heilig gehalten hatten.

Oder für verflucht.

Nilsen leuchtete über die Steine. „Das steht auf keiner Karte.“

Lund ging auf den nächstgelegenen Stein zu. Seine Oberfläche war rau, 

voller Flechten und schmaler Risse.

Dann sah er die Einkerbung.

Zwei schräg verlaufende Linien. Darunter ein senkrechter Strich.

Eine Rune.

„Tiwaz“, sagte Lund.

Nilsen sah ihn überrascht an. „Seit wann kennst du dich mit Runen aus?“

„Seit sie in unseren Fällen auftauchen.“

Er erinnerte sich an die Zeichnung im Notizbuch des verschwundenen Professors. 

An die Markierungen auf der alten Karte. An jene sieben Zeichen, die angeblich nur 

gemeinsam eine Bedeutung ergaben.

Fehu.

Uruz.

Thurisaz.

Algiz.

Tiwaz.

Othala.

Und eine letzte Rune, deren Name niemand kannte.

Lund strich mit dem Licht über die Einkerbung. Sie war nicht alt. Die Kanten waren hell und scharf. Jemand hatte sie erst vor Kurzem in den Stein geschlagen.

„Erik.“

Nilsens Stimme klang verändert.

Lund drehte sich um.

Sein Kollege stand vor einem zweiten Stein und leuchtete auf den Boden.

Dort lag ein Mobiltelefon.

Das Display war zersprungen. Feuchtigkeit glänzte auf dem schwarzen Gehäuse. Lund zog einen Handschuh an, hob es vorsichtig auf und drückte die Seitentaste.

Nichts geschah.

„Gehört es dem Vermissten?“, fragte Nilsen.

„Das wird die Technik feststellen.“

Lund drehte das Telefon um.

Auf der Rückseite war mit einem scharfen Gegenstand ein Zeichen eingeritzt worden.

Wieder eine Rune.

Algiz.

Schutz.

Oder Warnung.

Ein Geräusch ließ beide Männer herumfahren.

Es kam aus dem Wald hinter dem Steinkreis.

Ein kurzes Knacken.

Dann Stille.

Nilsen zog seine Waffe.

„Polizei!“, rief er. „Kommen Sie heraus!“

Keine Antwort.

Lund richtete die Taschenlampe zwischen die Bäume. Der Nebel verschluckte das Licht.

„Polizei!“, rief Nilsen noch einmal.

Diesmal antwortete etwas.

Kein Wort.

Ein einzelner, tiefer Ton, der durch den Wald drang. Dumpf und langsam, als hätte 

jemand weit entfernt gegen eine Trommel geschlagen.

Lund spürte, wie sich die Haare an seinen Armen aufrichteten.

Der Ton erklang ein zweites Mal.

Dann ein drittes Mal.

„Das kommt aus Richtung der Kirche“, sagte Nilsen.

„Welche Kirche?“

Nilsen sah ihn an. „Die alte Holzkirche. Zwei Kilometer nördlich von hier.“

Lund kannte das Gebäude. Eine kleine, seit Jahren nicht mehr genutzte Kirche, die 

oberhalb des Fjords stand. Die Fenster waren vernagelt, der Friedhof überwuchert. 

Der letzte Gottesdienst hatte dort vor mehr als dreißig Jahren stattgefunden.

Zumindest offiziell.

Lund steckte das Telefon in einen Beweismittelbeutel.

Plötzlich vibrierte es in seiner Hand.

Beide Männer erstarrten.

Das zersprungene Display leuchtete auf.

Kein Name wurde angezeigt.

Nur eine eingehende Nachricht.

Lund öffnete sie.

Auf dem Bildschirm erschien ein Bild.

Es zeigte die Lichtung.

Den Steinkreis.

Nilsen.

Und Lund selbst.

Aufgenommen aus wenigen Metern Entfernung.

Lund hob sofort die Taschenlampe und leuchtete in die Richtung, aus der das Foto 

gemacht worden sein musste.

Zwischen zwei Bäumen bewegte sich ein Schatten.

Nilsen setzte sich in Bewegung. „Stehen bleiben!“

Die Gestalt drehte sich um und verschwand im Wald.

Lund und Nilsen liefen hinterher.

Der Boden fiel steil ab. Äste peitschten durch die Dunkelheit. Vor ihnen hörten sie schnelle Schritte. Einmal glaubte Lund, einen dunklen Mantel zwischen den Bäumen 

zu erkennen.

Dann war die Gestalt fort.

Sie erreichten eine schmale Schlucht. Auf der anderen Seite stieg der Wald wieder an. Im feuchten Boden waren keine Spuren zu sehen.

Nilsen atmete schwer. „Der kann nicht so schnell gewesen sein.“

Lund schwieg.

Das Telefon vibrierte erneut.

Eine zweite Nachricht.

Diesmal kein Bild.

Nur ein Satz.

Ihr seid zu spät.

Darunter erschien ein Symbol.

Die siebte Rune.

Das Zeichen, das auf keiner ihrer Karten vollständig abgebildet war.

Lund starrte auf das Display.

„Er weiß, wer wir sind“, sagte Nilsen.

„Nein.“

Lund vergrößerte das Symbol.

Unter der Rune war ein weiterer Satz zu erkennen. Die Buchstaben waren klein und verschwommen, als wären sie mit einer alten Schreibmaschine geschrieben worden.

Der Wächter hat euch gesehen.

Wieder erklang der dumpfe Ton.

Diesmal näher.

Lund blickte durch die Bäume. Hoch über ihnen, auf einem Felsvorsprung, zeichnete sich für einen Augenblick die Silhouette eines Mannes ab.

Groß.

Regungslos.

Das Gesicht lag im Schatten.

Hinter ihm breitete sich etwas Dunkles aus, das im Nebel beinahe wie zwei gewaltige 

Flügel wirkte.

Nilsen hob die Waffe.

Doch bevor er etwas sagen konnte, war die Gestalt verschwunden.

Der Wald lag wieder still.

Lund blickte auf das Mobiltelefon.

Das Display war schwarz geworden.

„Wir gehen zurück“, sagte Nilsen. „Wir warten auf die anderen.“

Lund wollte ihm zustimmen.

Dann bemerkte er das Licht.

Tief zwischen den Bäumen schimmerte ein schwacher, gelblicher Schein. Kein 

Taschenlampenlicht. Es flackerte, als würde dort eine Kerze brennen.

Lund ging einige Schritte darauf zu.

„Erik“, sagte Nilsen warnend.

Das Licht kam aus einer kleinen Holzhütte, die halb hinter Felsen und Bäumen 

verborgen lag. Das Dach war mit Moos überwachsen. Die Fenster waren blind vor Schmutz.

Aus dem Schornstein stieg kein Rauch.

Trotzdem brannte hinter einem der Fenster Licht.

Lund näherte sich langsam der Tür.

Sie stand einen Spalt offen.

Auf dem Holz war eine Rune eingeritzt.

Tiwaz.

Dasselbe Zeichen wie auf dem Stein.

Nilsen stellte sich neben die Tür und hielt seine Waffe bereit. Lund legte eine Hand an das Holz.

Aus dem Inneren kam ein Geräusch.

Ein leises Kratzen.

Dann die Stimme eines Mannes.

„Kommissar Lund.“

Lund erstarrte.

Die Stimme klang alt und brüchig. Sie sprach seinen Namen beinahe ehrfürchtig aus.

„Kommen Sie herein.“

Nilsen schüttelte den Kopf.

Lund drückte die Tür langsam auf.

Der Raum dahinter war klein. Eine Kerze stand auf einem Tisch. An den Wänden hingen Fotografien, Karten und handgeschriebene Seiten.

Auf jedem Bild war Erik Lund zu sehen.

Vor seinem Haus.

Vor dem Polizeigebäude.

Am Fjord.

Auf dem Friedhof.

Manche Fotografien waren Jahre alt.

Andere konnten erst an diesem Abend aufgenommen worden sein.

In der Mitte des Tisches lag eine geöffnete Akte.

Auf der ersten Seite stand Lunds vollständiger Name.

Darunter das Datum seiner Geburt.

Und darunter ein weiteres Datum.

Der kommende Sonntag.

Neben der Akte lag ein frischer Zweig. In seine Rinde war ein einzelnes Wort 

geschnitten worden:

OPFER

Lund hob die Taschenlampe.

Die Hütte war leer.

Doch hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Die Kerze erlosch.

Und im Dunkeln flüsterte jemand:

„Das Zeichen bleibt.“

 

Die Blut Adler Saga

Eine Welt aus modernen Ermittlungen, alten Runen und Geheimnissen, die besser 

verborgen geblieben wären.

Kommissar Erik Lund folgt einer Spur, die ihn immer tiefer in die nordischen Wälder führt. Doch je näher er der Wahrheit kommt, desto deutlicher wird:

Er jagt die Täter nicht.

Die Täter führen ihn.

Signum Manet. Umbra Vigilat.
Das Zeichen bleibt. Der Schatten wacht.

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